Ich habe diese Geschichte vor Jahren für einen kleinen Wettbewerb geschrieben. Jeder Teilnehmer bekam ein einzelnes Wort zugelost und musste damit eine Kurzgeschichte schreiben. Mein Wort war schlicht und einfach "Schnee". Daraus kann man meiner Meinung nach Alles und Nichts machen, aber dies ist die Kurzgeschichte, die dadurch entstanden ist:

Ich konnte nicht sagen, was es war, dass mich zu ihr gezogen hat, das mich einfach nicht mehr losgelassen hat. Vielleicht war es, weil sie in dieser mir so vertrauten Umgebung völlig fremd schien. Auf mich wirkte es beinahe, als sei sie nicht von dieser Welt. Vielleicht war es auch das, was sie mit jeder Faser ihres Körpers ausstrahlte, etwas, das meine sensiblen Sinne zum Vibrieren brachte.

Gefahr.

Ich liebte Gefahren. Je mehr Mut man beweisen musste, um sie zu bewältigen, desto besser.

Vielleicht war es auch einfache Neugier, die mich zu ihr trieb. Die einfache Frage, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging, wegen der ich mich nicht von ihr abwenden konnte.

Was tat sie hier?

Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Hätte ahnen können, was geschehen würde. Wie es enden würde. Wie es enden musste. Und doch folgte ich ihr.

Ich beobachtete, wie sie mit ihren nackten Füßen so vorsichtig durch den kalten Schnee lief, als hätte sie Angst, dass unter der weichen, weißen Decke Glasscherben liegen würden. Jedes Mal, wenn der leichte Wind das rote Tuch, das sie sich über den Kopf geworfen hatte bewegte, blitze ihr rabenschwarzes Haar darunter auf. Das Ärmellose, schwarze Kleid, dass ihr gerade einmal, bis auf die Waden reichte, ließ mich immer wieder stutzen. War ihr nicht kalt? Müsste sie nicht längst erfroren sein?

Dies war wirklich kein Ort für einen Menschen. Ers recht nicht für eine Frau. Doch so sicher wie ich wusste, was ich war, wusste ich auch, dass sie alles war, aber kein normales menschliches Wesen.

Was war sie dann?

Je mehr Zeit verstrich, desto ungeduldiger, neugieriger wurde ich.

Vorsichtig schlich ich mich immer näher an sie heran. Folgte ihrem Weg, immer hinter ihr, so dass sie mich nicht bemerken konnte. Ich war mir sicher, dass sie das leise knirschen des Schnees unter meinen Pfoten nicht hören würde. Ich kontrollierte meine Atmung, bis auch diese sogar für meine Ohren beinahe nicht zu hören war.

Ich war mir so sicher...

Und doch, als ich nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt war, blieb sie plötzlich stehen. Sofort tat ich es ihr gleich, hielt den Atem an und fragte mich, ob sie mich doch bemerkt hatte, ob ich mir zu sicher gewesen war, unvorsichtig. Langsam legte sie den Kopf schief, als würde sie einer leisen Stimme, die nur sie hören konnte, lauschen. Die Sekunden verstrichen und nichts geschah. Ich wägte mich schon in Sicherheit, unentdeckt, doch genauso langsam, wie sie den Kopf schief gelegt hatte, drehte sie sich plötzlich zu mir um.

Ich hatte das Gefühl, das mein Herz einen Schlag aussetzte.

Tief blaue Augen sahen mich ohne jegliche Regung an, nicht einmal Angst oder Überraschung konnte ich in ihrem Blick lesen. Nichts. Doch das war es nicht, was mich gleichermaßen faszinierte und ängstigte. Alt. Unglaublich alt. Auch wenn ihre Haut keine einzige Falte aufwies und sie aussah, als hätte sie gerade erst das Erwachsenenalter erreicht – Ihre Augen waren viel älter.

Als hätte sie schon alles Leid der Welt gesehen...

Ich konnte mich nicht mehr rühren, nicht denken, nicht einmal mehr atmen. Ihr Blick hielt mich gefangen.

Erst, als sie vorsichtig ihre Hand ausstreckte, als befürchtete sie, ich könne im nächsten Moment mit meinen Fängen danach schnappen, konnte ich mich aus meiner Starre lösen. Nur langsam wanderte mein Blick zu der ausgestreckten Hand und kurz zögerte ich noch, fragte mich, was sie damit bezwecken wollte, doch egal wie ich es drehte, ich konnte keine bösen Absichten an ihrer Geste erkennen. Sicher hielt sie mich für ein einfaches, neugieriges Tier. Vielleicht war es dort, wo sie her kam normal, Tiere an seiner Hand schnuppern zu lassen.

Schließlich versuchte ich all meine Gedanken bei Seite zu wischen und überbrückte mit langsamen Schritten den letzten Abstand zwischen uns. In dieser Nähe konnten meine sensiblen Ohren ihren leisen, ruhigen Atem hören, selbst ihren gleichmäßigen Herzschlag nahm ich wahr.

Sie hatte keine Angst vor mir.

Kaum hatte ich jedoch an ihrer ausgestreckten Hand gerochen riss ich meinen Kopf hoch und starrte sie verwirrt an. Sie roch nach Holz, Wäldern, Rauch und wenn das überhaupt möglich war, nach Wärme. Was war sie? Woher kam sie? Und warum war sie hierhergekommen?

Sie schien es jedoch anscheinend nicht für nötig zu halten, auf meine unausgesprochenen Fragen zu antworten. In meinen Augen unglaublich anmutig drehte sie sich wieder um und setzte ihren Weg auf einem für mich nicht ersichtlichen Pfad fort. Verwirrt legte ich meinen Kopf schief. Diese Frau war eindeutig seltsam. Und dann wurde mir klar, was es war, dass mich an ihr anzog. Sie strahlte nicht Gefahr aus, wie ich anfangs gedacht hatte. Sie strahlte Dunkelheit aus. Sie musste etwas schreckliches erlebt haben... War das der Grund, wegen dem sie hierhergekommen war?

Als ich meinen Entschluss fasste, hatte sie mit ihren vorsichtigen Schritten nur wenige Meter zurückgelegt und blitzschnell hatte ich zu ihr aufgeholt. Ich wollte sie begleiten. Ihr wenigstens ein wenig der Einsamkeit nehmen, die sie verspüren musste und gleichzeitig meine eigene lindern.

Erst war ich mir nicht sicher, ob sie wirklich damit einverstanden war, dass ich sie begleitete, doch als sie ein paar Stunden später beinahe zögernd die Hand auf meinen Kopf legte und mir vorsichtig, als hätte sie etwas ähnliches noch nie gespürt, durch das Fell strich, konnte ich zumindest ein wenig daran glauben, dass meine Gesellschaft ihr nicht völlig unwillkommen war.

Mehrere Tage begleitete ich sie. Sie schien zu wissen, wohin sie wollte und obwohl alles von Schnee bedeckt war folgte sie geradlinig ihrem Weg. Sie lief immer geradeaus, keine Schlangenlinien, kein Umdrehen, nichts. Ich wusste, dass in dieser Richtung nichts anderes lag, als das, was sie hier schon sah. Schnee. Soweit das Auge reichte eine weiche, kalte, weiße Decke. Es würde sich nichts ändern. Warum also wollte sie unbedingt weiter gehen? Mehrmals hatte ich versucht sie zum Umdrehen zu bewegen, hatte sie versucht in eine andere Richtung zu lenken, dorthin, wo es langsam wieder wärmer werden würde, doch sie ließ sich nicht beirren.

Am verwirrendsten war für mich jedoch, dass sie noch immer kein einziges Wort gesprochen hatte. Nicht während des Laufens, nicht während der seltenen Pausen, selbst dann nicht, wenn ich versuchte sie von ihrem Weg ab zu bringen. Die einzige Veränderung ging dann von ihren Augen aus. Sie funkelte mich an und jedes Mal war ich von dieser starken Gefühlsregung so aus dem Konzept gebracht, dass ich meine Versuche sofort einstellte.

Ich konnte nicht leugnen, dass ich es kaum noch aushielt. Meine Neugier steigerte sich ins unermessliche und immer mehr Fragen geisterten mir durch den Kopf. Ich verstand einfach nicht, warum sie nicht ein einziges Wort an mich richtete! Wollte sie etwa doch nicht, dass ich sie begleitete? Wenn dem so war, konnte sie es mir doch einfach deutlich machen. Sicher, ich würde mich widersetzen und ihr zumindest weiter folgen, doch sie tat es nicht.

Am vierten Tag, als wir gerade wieder eine der seltenen Pausen einlegten, kam mir plötzlich ein völlig anderer Gedanke.

Ich war unhöflich!

Vielleicht wusste sie längst, was ich war, hatte meine Gestalt vom ersten Augenblick an durchschaut. Vielleicht wartete sie nur darauf, dass ich mich ihr endlich offenbarte. Würde sie dann endlich mit mir sprechen? Ein seltsamer Anflug von Hoffnung drohte mich zu überwältigen und erst in diesem Moment wurde mir wirklich bewusst, wie gern ich ihre Stimme hören würde. Wie gern ich ihren Namen wüsste... Wie sehr ich wissen wollte, was sie hier her führte...

Vorsichtig, damit ich sie nicht doch erschreckte, richtete ich mich auf meine Hinterpfoten auf, spürte fast im selben Moment das sanfte Kribbeln auf meinem Körper, das mir sagte, dass sich das graue Fell zurückzog und nur noch helle, menschliche Haut zurückließ. Langsam richtete ich mich zu meiner normalen Größe auf und trotz meiner Vorsicht protestierten meine Gelenke knackend. Ich war schon länger nicht mehr eine so lange Zeitspanne in meiner Wolfsgestalt gewesen.

Ich spürte ihren Blick auf mir ruhen, doch seltsamerweise überkam mich in meiner menschlichen Gestalt plötzlich ein Hauch Schüchternheit. Ich wusste genau, was sie vor sich sah. Einen schlanken, schlaksigen jungen Mann mit dunkelgrauen, wild vom Kopf abstehenden Haaren und goldenen Augen, dem Merkmal eines Gestaltwandlers. Die Hose und das ärmellose Shirt, das ich trug, waren schon ziemlich ausgefranst und vor allem das Shirt hatte schon viele Risse.

Ich wartete ein paar Minuten, doch noch immer sagte sie kein Wort, trotzdem spürte ich noch ihren Blick auf mir ruhen. Es fühlte sich an, als ob kleine Funken über meinen Rücken tanzen würden. Zögernd hob ich schließlich den Kopf und begegnete ihrem Blick. Enttäuscht bemerkte ich, dass sie sich noch immer nichts anmerken ließ. Keine Gefühlsregung war in ihren Augen zu lesen... Hatte ich wirklich erwartet, dass es so einfach war? Dass sie nur, weil ich mich ihr endlich zeigte, auch mit mir sprechen würde?

Bevor ich jedoch weiter darüber nachdenken konnte, wie einfältig ich war, schüttelte ich kurz den Kopf und setzte ein breites Lächeln auf. Wenn sie nicht sprechen wollte, hieß das noch lange nicht, dass ich jetzt schweigen würde!

So selbstsicher, wie ich konnte, streckte ich ihr meine Hand entgegen und hoffte, dass meine Stimme sich nicht auf irgendeine Art seltsam anhörte.

„Hallo, mein Name ist Yuma.“

Ihre Reaktion jedoch, ließ mich erstarren. Ich hatte mit vielem gerechnet, doch als ich nackte Angst, die erste wirkliche Reaktion in ihrem Gesicht sah, spürte ich beinahe etwas wie Verzweiflung in mir aufwallen. Was hatte ich falsch gemacht? Mit was hatte ich sie so verängstigt, dass sie sogar ein kleines Stück von mir zurückwich?

Vielleicht hätte ich es einfach nicht darauf anlegen sollen. Hätte mich weiter damit begnügen müssen, sie als Wolf zu begleiten. Würde sie mich jetzt noch neben sich dulden? In meiner menschlichen Gestalt sicher nicht, wo ich ihr doch solche Angst einjagte. Vielleicht sollte ich mich zurück verwandeln. Sie weiter als Wolf begleiten und so tun, als sei das ganze nie passiert, doch ich bezweifelte, dass sie es vergessen würde.

Sie schaffte es zwar schnell wieder sich unter Kontrolle zu bekommen und ihr unbewegtes Gesicht auf zu setzten, doch ich wusste genau, dass ich den Ausdruck in ihren Augen niemals wieder vergessen würde. Er würde mich bis ans Ende meines Lebens verfolgen...

„Soll ich mich wieder zurück verwandeln?“ fragte ich leise, zögernd und leicht verwirrt, da sie mich noch immer anstarrte. Ich wüsste zu gern, was ihr durch den Kopf ging, während sie mich beobachtete.

Wieder antwortete sie nicht und ich seufzte leise auf. Sie würde also doch nicht wollen, dass ich sie weiter begleitete, weder als Mensch noch als Wolf. Plötzlich jedoch schüttelte sie langsam den Kopf. Verwirrt sah ich sie an. Sollte das heißen ich durfte sie als Mensch begleiten?  Dann jedoch stand sie auf, warf noch einen letzten Blick auf mich und lief dann einfach weiter. Perplex starrte ich ihr hinter her. Vielleicht wollte sie mit ihrer Geste auch einfach nur ausdrücken, dass sie sich in mir getäuscht hatte und dass sie doch lieber alleine weiterziehen wollte.

Schritt für Schritt ging sie langsam immer weiter. Unbewegt sah ich ihr nach, seltsamerweise von tiefer Traurigkeit erfüllt. Ich musste mir eingestehen, dass ich sie trotzdem weiter begleiten wollte. Ich wollte doch noch so viel von ihr wissen!

Plötzlich jedoch, blieb sie kurz stehen, drehte sich halb um und sah mich eindringlich an, bevor sie weiter ging. Ich wusste, dass sie mich nicht einmal einen Sekundenbruchteil angesehen hatte, doch mein Körper wurde von einer seltsamen Wärme erfüllt, als hätte ihr Blick Stundenlang auf mir gelegen. Und auch, wenn sie noch immer kein Wort gesagt hatte, hätte ich schwören können, meinen Namen gehört zu haben.

Ohne dass ich es verhindern konnte schlich sich wieder ein breites Grinsen auf mein Gesicht und mit nur wenigen Schritten hatte ich sie eingeholt, lief neben ihr her, hielt jedoch etwas mehr Abstand als ich es als Wolf getan hatte. Ich hatte das seltsame Gefühl, dass es ihr so lieber war.

Immer wieder warf ich ihr kurze Blicke zu, in Schweigen verfallen, genau wie sie, doch sie hatte ihren Blick immer direkt nach vorne gerichtet. Sie verlor nie ihr mir unbekanntes Ziel aus den Augen.

Ein paar weitere Stunden vergingen und es begann schon zu dämmern, als ich es schließlich nicht mehr aushielt, schweigend neben ihr zu laufen.

„Wie heißt du?“ fragte ich sie schließlich, doch natürlich antwortete sie mir nicht. Sie würdigte mich nicht einmal eines Blickes.

„Woher kommst du?“ versuchte ich es mit einer der anderen Fragen, die mich beschäftigten, doch sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, geschweige denn, dass sie auch nur einen Laut von sich gab.

Immer wieder stellte ich ihr Fragen, versuchte eine einzige Antwort aus ihr heraus zu bekommen, doch sie schwieg beharrlich. Es trieb mich fast in den Wahnsinn. Ich wusste nicht, was stärker in mir wütete, Frustration darüber, dass ich es partout nicht schaffte sie zum Reden zu bewegen oder aber Bewunderung, dass sie es schaffte ihr Schweigen so eisern durch zu halten. Ich an ihrer Stelle wäre sicher schon so genervt, dass ich ausgerastet wäre. Entweder hatte sie viel Geduld und gute Nerven, oder aber es war ihr völlig egal, was um sie herum geschah.

Ich war mir nicht mehr sicher, wann es genau begann. Wann ich ihr von mir erzählte. Wo ich herkam, was ich als Kind oft getan hatte, was ich schon alles erlebt hatte... Von meiner Vergangenheit... Selbst von dem, was ich getan hatte... Warum ich verstoßen wurde...

Ich wusste nur, dass ich danach nicht mehr derselbe war. Sie akzeptierte mich, trotz der Schuld, die auf mir lastete. Das war das erste Mal, dass sie mich wirklich ansah, dass sie den Blick von ihrem Pfad nahm und ihn auf mich richtete. Ich sah es in ihren Augen und musste all meine Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht an zu fangen zu weinen. Sie verstand mich. Sie verstand mich nur zu gut. Inzwischen hatte ich akzeptiert, dass sie nicht mit mir sprach, doch wenn sie jetzt gesprochen hätte, ich war mich sicher, dass sie mir gesagt hätte, was ihr zugestoßen war. Hatte sie etwas ähnliches erlebt? Etwas ähnliches getan?

Ich wusste es nicht.

Ich wusste nur, dass sich ab dem Zeitpunkt auf seltsame Art alles zwischen uns verändert hatte.

Wenn ich ihr etwas Neues erzählte, sah sie mich an und mit manchen meiner Geschichten, brachte ich sie sogar zum Lächeln.

Vielleicht war es, weil sie mir endlich vertraute. Vielleicht auch nur, weil sie sich damit abgefunden hatte, dass ich ihr sowieso nicht von der Seite weichen würde und sie deswegen ihre Fassade nicht mehr aufrechterhalten musste. Ich konnte es nicht genau sagen.

Langsam jedoch wurde mir etwas völlig anderes klar. Ich war dabei mich in diese Frau zu verlieben. In jemanden, von dem ich eigentlich nicht das geringste wusste. Es war ihre Art. Seit sie mir gegenüber begonnen hatte ihre Maske ab zu legen und ich ihr wahres Ich sehen konnte, war ich hin und weg gewesen. Ich liebte es, wie sich mich ansah, wie sie lächelte, selbst ihre seltsame Art durch den Schnee zu laufen gewann ich lieb.

Ich war ein Narr...


„Willst du wirklich weiter gehen?“ fragte ich sie vorsichtig, mich zu allen Seiten umsehend.

Ich hatte ihr mehrmals gesagt, dass wir schon längst die Grenze zum Land der Vagoren überschritten hatten. Hinter jedem größeren Stein, in jedem tieferen Graben vermutete ich einen von ihnen. Vagoren. Obwohl ich schon lange in diesem Land lebte hatte ich mich nie in ihr Gebiet gewagt. Es war nicht so, dass sie besondere Kräfte oder ähnliches hatten. Es waren ganz normale Menschen. Normal war vielleicht nicht das richtige Wort für die schlimmsten ihrer Art, für die Grausamkeiten, die sie auslebten und für die man sie verstoßen hatte, doch es waren nun einmal nur Menschen. Das Problem war, dass sie, wenn man in einen Hinterhalt gelockt werden konnte, in sehr großen Gruppen angriffen.

Niemals wäre ich freiwillig in dieses Gebiet gegangen, doch sie hatte keinen Umweg machen wollen. Vielleicht wollte sie es ja sogar. Wollte sterben...

Sie musste doch wissen, dass ich das nicht zulassen würde. Ich war mir sicher, dass sie ahne, wie ich fühlte...

„Wyanet...“ versuchte ich noch einmal sie zu überzeugen, doch sie schüttelte stur den Kopf und lief weiter. Leise seufzend gab ich es schließlich auf und beobachtete lieber wie sich das beinahe schüchtern wirkende Lächeln auf ihre Lippen schlich, dass sie immer bekam, wenn ich sie so nannte. Da ich ihren wirklichen Namen noch immer nicht kannte hatte ich irgendwann angefangen sie Wyanet zu nennen. Sofort hatte sie mich fragend angesehen, doch ich hatte nur gegrinst und geschwiegen. Es wäre mir viel zu peinlich gewesen ihr zu sagen, was das Wort in meiner Sprache bedeutete. Es war so simpel und doch passte es unglaublich gut zu ihr. Es bedeutete schlicht „Schön“.

Ich glaube ich hatte begonnen sie so zu nennen, als ich ihr wahres Selbst hatte sehen dürfen.

Fast sofort bemerkte ich, dass sie längst nicht mehr so gelassen war, wie sonst. Egal was sie mich glauben lassen wollte, ich wusste, dass auch sie Angst haben musste, immerhin hatte ich ihr viele Geschichten über diesen Ort erzählt. Zum Glück reichte das Gebiet nicht sehr weit. Wenn wir keine Pause einlegten, würden wir bis zur Dämmerung wieder in Sicherheit sein. Hoffentlich.

Auch, wenn nach mehreren Stunden noch nichts geschehen war, wirkte sie immer nervöser und ich begann ihr wieder Geschichten zu erzählen. Es dauerte einen Moment, bis ich etwas fand, das ich ihr noch nicht erzählt hatte, doch dann fiel mir die Geschichte von dem Bären ein, von dem ich dachte, er sei auch ein Gestaltwandler. Was für ein Irrtum.

Dann jedoch geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Es nahm mich so gefangen, dass ich aufhörte zu denken, aufhörte zu atmen und nur noch sie anstarren konnte. Sie lachte. Sie lachte und in meinen Ohren klang es, als würden hunderte, keine Glöckchen klingeln. Wunderschön.

Sie hatten sich einen wirklich guten Moment ausgesucht. So gefangen wie ich war, hörte ich sie nicht kommen, roch ihren Gestank nicht, konnte nicht rechtzeitig reagieren.

Es ging alles zu schnell.

Als ich realisierte, was geschehen war, hatten sie uns schon längst umzingelt. Blitzschnell ließ ich meinen Blick schweifen, versuchte sie zu zählen. Wir hatten keine Chance. Es waren mindestens zwanzig und alle trugen sie Waffen bei sich. Ich wusste noch immer nicht, was die Frau wirklich war, doch ich bezweifelte, dass sie auch nur die geringste Chance hatte sich auf irgendeine Art zu verteidigen.

Ein unmenschliches Knurren löste sich aus meiner Kehle und schneller als die Menschen blinzeln konnten, hatte ich mich wieder in den Wolf verwandelt, stürmte auf sie zu und griff an. Voller Verzweiflung kämpfte ich mit Klauen und Zähnen gegen sie, zeigte genau wie sie keine Gnade, doch als ich über den Kampflärm und die Schreie der Menschen plötzlich ein leises Keuchen hörte, wusste ich, dass ich versagt hatte.

Ich musste mich nicht umdrehen, wollte es eigentlich auch gar nicht. Ich wollte nicht sehen, wie sie da lag, ihr schwarzes Kleid schwer und glänzend von ihrem Blut...

Trotzdem tat ich es.

Sie lag dort, inmitten der Menschen...

Wäre nicht der kurze Speer in ihrer Brust und ihr schmerzverzerrtes Gesicht gewesen, sie hätte auch schlafen können...

Unglaubliche Wut durchströmte mich und ich konnte nicht mehr klar denken, wurde ganz zu der Bestie, die ich verkörperte. Die Menschen hatten keine Chance... Ich stürzte mich blindlings auf sie, riss mit meinen Fängen an allen Gliedmaßen, die es wagten in mein Blickfeld zu gelangen.

Ich wütete... Bis sich nichts mehr regte...

Leise keuchend sah ich mich um, betrachtete beinahe unbeteiligt den roten Schnee um mich herum, die verstreut liegenden Körper... Niemand bewegte sich mehr... Ich hatte noch mehr Leben auf meinem Gewissen, doch im Moment störte mich das alles nicht. Das einzige was zählte war sie...

„Wyanet...“ murmelte ich leise, als ich mich zurück verwandelt hatte, fiel neben ihrem leblos wirkenden Körper auf die Knie. Sie atmete noch, wenn auch schwach. Meine Augen flogen über die Wunde, doch ich wusste auch so, dass ich ihr nicht mehr helfen konnte... Ich hatte versagt... Hatte sie nicht beschützen können...

Meine Augen begannen zu brennen.

Ich hätte hartnäckiger sein müssen! Es hätte sicher einen Weg gegeben sie dazu zu bringen den Umweg zu gehen... Als Wolf hätte sie auf mir reiten können, vielleicht hätten wir so die Zeit wett gemacht, die wir durch einen Umweg verloren hätten. Ich hätte -

Plötzlich legte sich eine warme Hand auf mein Gesicht und ich begegnete ihrem Blick. Der Schmerz war aus ihrem Gesicht gewichen und nur am Rande kam mir der Gedanke, dass es das erste Mal war, dass sie meine menschliche Gestalt berührte. Vorsichtig legte ich meine Hand auf ihre, versuchte das sanfte Lächeln, das sich auf ihrem Gesicht ausbreitete zu erwidern, doch es gelang mir nicht.

Tränen begannen meine Sicht zu verschleiern, perlten über meine Wangen, doch ich machte mir nicht die Mühe sie weg zu wischen oder auch nur einen Gedanken an meinen verloren gegangenen Stolz zu verschwenden.

Ich verlor die Frau, die ich liebte...

Zum ersten Mal begriff ich, wie sich wirklicher Schmerz anfühlte... Es war nichts im Vergleich zu körperlichen Wunden, es stellte sogar das Gefühl in den Schatten von der eigenen Familie verbannt zu werden...

Plötzlich begannen ihre Lippen sich zu bewegen, doch kein Ton kam heraus. Vorsichtig beugte ich mich näher zu ihr, bis mein Gesicht nur noch ein paar Zentimeter von ihrem entfernt war. Wieder bewegten sich ihre Lippen, doch kein Ton kam heraus.

Verzweiflung drohte mich zu ertränken. Jetzt. Jetzt, in den letzten Momenten ihres Lebens wollte sie etwas sagen... Doch es gelang ihr nicht... Ich würde niemals ihre Stimme hören...

Ich bemerkte, wie sie mehrmals schluckte... Vielleicht hatte sie schon so lange nicht mehr gesprochen, dass es ihr einfach nur nicht mehr gelingen wollte...

In meiner Verzweiflung begann ich plötzlich wieder mit ihr zu reden. Sinnloses Zeug, nutzlose Beteuerungen, dass alles wieder gut werden würde, dass ich ihr helfen würde, dass es nicht so schlimm war, wie es aussah... Dass sie in Sicherheit war... Das ihr nichts mehr geschehen würde...

Bei den letzten Worten brach meine Stimme schließlich, doch sie lächelte mich an. Auch sie hatte Tränen in den Augen, doch ob vor Schmerz, oder weil sie vielleicht genauso verzweifelt war wie ich, vermochte ich nicht zu sagen...

Plötzlich, mit einer Kraft, die ich ihr nicht zugetraut hätte, zog sie mich noch ein Stück zu sich und ich sog ein letztes Mal ihren unverwechselbaren Geruch in mir auf, bis ich warme Lippen auf meiner Wange spürte.

„Yuma...“ hauchte sie leise, ihre Stimme zittrig, doch ich wusste, dass es das schönste war, was ich jemals hören würde.

Dann jedoch, als hätte sie gewusst, was geschehen würde, was sie mit diesem einen Wort auslösen würde, stieß sie mich mit letzter Kraft von sich und ich musste mit ansehen, wie sie sich in Flammen auflöste. Die Helligkeit schmerzte in meinen Augen und doch konnte ich meinen Blick nicht von den züngelnden Flammen abwenden, bis sie schließlich erloschen und nichts außer dem roten Schnee und einem letzten Hauch ihres Geruches von ihr übrig blieb...

Mit leerem Blick starrte ich auf die Stelle, an der sie bis eben noch gelegen hatte, wartete auf ein Zeichen, auf ein Geräusch, auf irgendetwas, das mir sagte, dass sie doch noch am Leben war, dass sie vielleicht aus der Asche wieder auferstehen würde, wie ein Phönix... Doch da war keine Asche, aus der sie wieder auferstehen könnete... Nichts als Leere und Einsamkeit...

Ich wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, in der ich unbeweglich im Schnee saß, auf ein und dieselbe Stelle starrend, doch irgendwann richtete ich mich mechanisch auf und begann mich auf den Weg zu machen.

In die Richtung, in die sie immer gegangen war.

Den Weg weiter gehend, den sie nun nicht mehr bestreiten konnte.

Um vielleicht das zu finden, nach dem sie gesucht hatte...

Um dorthin zu kommen wo sie hatte hingehen wollen...